Kanekis Verwandlung – Vom Menschen zum Ghoul

Achtung! Dieser Artikel enthält Spoiler zur 1. Staffel von Tokyo Ghoul sowie zum Manga bis etwa Kapitel 75.

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Ich empfinde die Anime Adaption für Tokyo Ghoul durchaus als gelungen. Ich hatte nach 3 Folgen den Manga inn kürzester Zeit geradezu verschlungen und konnte mich in den darauffolgenden Wochen über eine gelungene Umsetzung in bewegten Bildern freuen – zumindest in der unzensierten Blue-Ray/DVD-Fassung.

Nun haben mich aber mehrere Leute, die nur den Anime gesehen haben, darauf angesprochen, dass sie Kanekis Entwicklung nicht ganz nachvollziehen können und wohl generell den ganzen Hype darum nicht verstehen. Also habe ich mir die letzte Folge der 1. Staffel noch einmal angesehen und musste feststellen, dass sich der Anime zwar noch näher am Original bewegt, als ich ohnehin dachte und auch wirklich herausragend inszeniert ist… aber es leider an ein paar kleineren Stellen verpasst den Zuschauer bei Kanekis Entwicklung richtig mitzunehmen.

Deshalb möchte ich heute ein wenig die Anime Episode mit den zugehörigen Manga-Kapiteln vergleichen, um zu zeigen, wo der Anime vielleicht hätte besser sein können und zu erklären, warum diese Charakterentwicklung mich und viele andere so begeistert.

11,5 Folgen brauchte Tokyo Ghoul, um dem Publikum zu geben, worauf es seit Folge 1 gewartet hatte: Nachdem er bisher jeden Kampf vermieden hat vermöbelt er nun Yamori bzw. Jason nach Strich und Faden und zeigt dabei eine Seite von sich, die man von dem kleinen Bücherwurm nie erwartet hätte.

Klar hatte man erwartet, dass Kaneki in diesem Kampf zeigen wird, was er kann. Was man jedoch zu sehen bekam glich weniger einem Power Up als einem Massaker bei dem einer der stärksten Ghoule wie ein Schoßhündchen dargestellt und zerfleischt wird. Wie kam es zu dieser Verwandlung? Was macht aus einem friedlichen jungen Mann solch ein Monster? Ist Kaneki einfach nur durchgedreht oder steckt vielleicht doch mehr dahinter?

Genau darüber möchte ich heute mit euch sprechen, angefangen damit, warum Kaneki bis zu diesem Zeitpunkt so schwach geblieben ist.

Kanekis Entscheidung schwach zu sein

Kaneki wich von Anfang an Kämpfen so gut es ging aus. Nach seinem Kampf gegen Nishiki (in dessen Anschluss er fast Hide gefressen hätte), hatte Kaneki Angst, dass ihn das nächste Mal niemand aufhalten und jemand ernsthaft zu Schaden kommen könnte. Er erkannte, wie gefährlich diese neue Seite von ihm ist und fühlte sich nicht in der Lage diese zu kontrollieren.

Kaneki will, dass es allen gut geht und niemand verletzt wird. Aus diesem Grund entscheidet er sich dafür schwach zu sein und wie er glaubt, sicherzustellen, dass sonst niemand verletzt wird.

Rather than a person hurting others become the person getting hurt.

Kanekis Lebensmotto. Warum dieser Satz von Rize ausgerechnet durch Jasons perverses Spiel mit dem Liebespaar ausgelöst wird, kommt im Anime finde ich nicht wirklich gut rüber. Dabei ist dies der zentrale Punkt, der Kanekis ganzes Verhalten bestimmt.
Im Manga läuft das ganze auch ein bisschen anders ab: Dort gelingt es Kaneki nämlich beinahe mit einer Gruppe anderer Gefangener zu entkommen. Jason fängt sie jedoch im letzten Moment ab und auch wenn er hätte fliehen können, ergibt sich Kaneki, um eine Mutter und ihr Kind, die Jason gefangen hatte, zu retten. Unter dem Versprechen, dass den beiden nichts passiert, folgt Kaneki Jason zurück in die Anlage, wohlahnend, was ihm gleich blühen wird.

Umso schockierter ist er natürlich, als es diese beiden sind, die Jason ihm später wieder vorführt. Er glaubte wirklich, die beiden eher retten zu können, indem er die Schmerzen auf sich selbst nahm, als zu kämpfen und die Verletzung unschuldiger zu riskieren.

Mother and Child

Jason führt diesen Gedanken ad absurdum und will Kaneki zwingen sich für einen der beiden zu entscheiden. Schließlich weiß er genau, dass es Kaneki so vorkommen wird, als würde er diese Person persönlich zum Tode verurteilen. Als er auf Kanekis bitte, doch stattdessen ihn selbst zu töten, beide umbringt, reißt er die Feigheit in Kanekis Lebensmotto auf grausame Weise aus ihm heraus. Kaneki muss erkennen, dass die Entscheidung für Schwäche nicht auf Stärke sondern nur auf Feigheit hindeutet. Anstatt für die Personen, die ihm wichtig sind, zu kämpfen (auch wenn das vielleicht Schmerzen für diese bedeutet), gibt er sie lieber auf.

An dieser Stelle kommt Rize ins Spiel, als der Teil von ihm, der dies bereits erkannt hat. Sie zeigt ihm auf, dass die Aufopferung seiner Mutter ihm eigentlich nur Leid gebracht hat und er gerade dabei ist, dasselbe zu tun. Er erinnert sich, wie sein Verhalten ihm und anderen in der Vergangenheit geschadet hat und noch Schaden könnte. All das nur, weil er zu feige ist, andere zu verletzen.

Kaneki erkennt, dass das, was seine Mutter ihm vorgelebt hat, nicht tapfer sondern feige war.

Kaneki erkennt, dass das, was seine Mutter ihm vorgelebt hat, nicht tapfer sondern feige war.

Rather than getting hurt, hurt the ones that try to harm your world!

Und Kaneki ändert schließlich seine Einstellung. In diesem Moment, in dem Jason ihn alleine lässt, trifft er die bewusste Entscheidung für das, was er will, zu kämpfen. Dies ist für mich der entscheidende und fantastische Punkt an dieser Szene. Klar hat er mental und körperlich in den letzten Stunden enorm viel durchmachen müssen, aber er ist nach wie vor bei klarem Verstand.

Ich bin mir nicht sicher, ob dies im Anime jedem so klar geworden ist, aber Kaneki knickt zu keinem Zeitpunkt ein. Die Technik von 1000 an in 7er-Schritten herunterzuzählen, soll dafür sorgen, dass das Opfer nicht den Verstand verliert und somit vielleicht irgendwann Informationen Preisgibt. Solange man dies noch kann, ist man noch zu rationalem denken fähig. Außerdem lobt Jason Kaneki sogar noch für sein Durchhaltevermögen und auch sonst gibt es nichts, was darauf hindeutet, dass er wahnsinnig geworden ist.

Das Gespräch mit Rize ist nur ein normales Selbstgespräch, in dem er sich seinen inneren Ghoul als Gesprächspartner vorstellt und im Manga verlässt Kaneki auch (gedanklich) nie den Raum – das Blumenfeld existiert nur im Anime – und ist sich somit vollkommen bewusst, wo er ist und was grade passiert.
In all diesem Schmerz, den er gerade mental und körperlich erdulden muss, erkennt er, dass er seine Lebenseinstellung ändern und für das, was er wirklich will, Opfer bringen muss. Dazu gehört letztendlich auch, sich den Ghoul in ihm zunutze zu machen.

„Accept the Ghoul inside of me“…? …No. That’s not it.

Kaneki spielt auf etwas wichtiges an: Er akzeptiert den Ghoul in sich nicht… Er verleibt ihn sich ein. Dadurch ist dieser keine eigenständige Person mehr, vor der er sich fürchten oder die er anerkennen muss. In seinem Magen dient Rize nur noch als Treibstoff für seine Zwecke.

Kaneki wird somit zwar selbst zum Ghoul, behält aber vollkommen die Kontrolle über sein Handeln. Er ist eine Person und damit sowohl Ghoul.

Kaneki legt den Schalter um

Ich kann verstehen, wenn einige von euch sagen, dass dies trotzdem zu schnell ging und sie immer noch nicht verstehen, wie er von einem friedliebenden zu einem so gewalttätigen Menschen werden kann, der seinen Gegner nicht nur vernichtet, sondern auch verspeist.
Die simple Antwort ist: Das wird er gar nicht.

Der eigentliche Grund, warum er sich Jasons Kagune einverleibt ist nicht nur der Kannibalismus. Der Anime hat es in der Folge weggelassen, aber der Kampf gegen Jason war nicht so einfach, wie dort dargestellt.

Ich finde Kaneki kommt im Manga auch noch einmal cooler rüber, als im Anime

Ich finde Kaneki kommt im Manga auch noch einmal cooler rüber, als im Anime

Kaneki wollte also sichergehen, dass Jason sich nicht regenerieren kann und er sein Schicksal den Ghoul Inspektoren überlassen kann.  Kaneki hält nämlich an seiner Überzeugung fest, niemanden töten zu wollen und bewahrt auch sonst nach wie vor einen klaren Kopf. Nur anstatt diesen für die Sicherheit anderer einzusetzen, benutzt er ihn nun, um diejenigen auszuschalten, die seine Welt gefährden.

An dieser Stelle ist auch die Maske noch einmal wichtig, die er von nun an – um ein wenig vorzugreifen – bei all seinen Kämpfen tragen wird. Sie dient quasi als Trigger für seine Kräfte und auch als Schutz für sich selbst, da er somit all diese Taten als jemand anderes begeht.
Dies führt dazu, dass er sich wirklich wie ein Monster verhalten kann, ohne, dass die Person Kaneki Ken etwas von ihrer Menschlichkeit einbüßt. So bricht er im Kampf mit Ayato, der in der ersten Folge von Root A zu sehen ist, diesem eigentlich die Hälfte seiner Knochen.

Ansonsten hat sich an Kaneki aber gar nicht so viel verändert, abgesehen von der Tatsache, dass er nun Kämpfen möchte. Wie stark er ist, hat er bereits vorher in anderen Kämpfen angedeutet und er kontrolliert seine Kräfte nun durch seine Entschlossenheit und in dem er den Hunger so gut es eben geht stillt (in diesem Fall durch das Fressen von Jasons Kagune).
Zwar ist die Folter nicht spurlos an ihm vorüber gegangen und ist sicherlich mitverantwortlich dafür, dass er seinen Feinden so viele Schmerzen zufügt, aber insgesamt Sui Ishida hier einfach eine glaubwürdige, episch inszenierte Charakterentwicklung gezeigt.

Kanekis Verwandlung ist für mich einer der interessantesten Momente in Tokyo Ghoul. Er zeigt auf brillante Art und Weise, wie man selbst die drastischsten Veränderungen glaubwürdig präsentieren kann. Ich hoffe, dieser Artikel hat auch den Anime-schauern unter euch diese krasse Veränderung ein wenig näher gebracht und ihr seid nun genauso begeistert, wie ich.
Falls nicht, freue ich mich auf die ein oder andere interessante Diskussion in den Kommentaren. 

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